Anti 1859

MÜNCHEN IST ROT

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Anti60-11

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Die traurige Geschichte einer Digitaluhr in Giesing

Um 18.59 Uhr und 59 Sekunden war die Welt noch in Ordnung

Dies ist die Geschichte der Familie Hendlmoser (zumindest nennen wir sie mal so). Es ist eine traurige Geschichte, aber sie muß wohl trotzdem erzählt werden. Wohnhaft sind die Hendlmosers in München-Giesing. Bei den Treffen im Familienkreise geht es eigentlich immer nur um das eine – um den gemeinsamen Lieblings Turnverein! Hat sich doch die ganze Sippe diesem Club verschrieben. Die ganze Sippe? Nein, nicht die ganze Sippe. Onkel Franz, der bereits vor einigen Jahren aus Giesing fortzog, hält seit jeher die Fahnen eines Fußball-Clubs hoch. Deshalb nimmt er auch nie an den Familientreffen im Hause Hendelmoser teil. Und doch ist er irgendwie stets präsent, wenn sich Mutti, Vati und die beiden Söhne Karl-Heinz und Peter tagtäglich um den Wohnzimmer Tisch scharen.

So versammelt sich jeden Abend die Familie im Trauten Kreis um die modische Digitaluhr mit einer roten anzeigte, welche vor ein paar Jahren einmal ein Weihnachtsgeschenk von Onkel Franz gewesen war. Jeden Tag, zur selben Zeit, um exakt 18:45 Uhr, spielt sich dann das immer selbe Drama ab. Stets beginnt der Abend mit Hoffnung und Zuversicht. Und doch muß er in bloßer Enttäuschung enden.

18:45: Karl-Heinz und Peter, Mutti und Vati sitzen andächtig auf der Couch im Wohnzimmer, den Blick starr auf die rote Digital-Anzeige der Uhr gerichtet.

18:50: Karl-Heinz, dem die Monotonie des Wartens sichtbar zusetzt, versucht seine überschüssige Kräfte durch einen hinterhältigen Tritt ins Gesäß seines großen Bruders loszuwerden. Dies nimmt Vati zunächst kaum zur Kenntnis, doch als zwischen den beiden Lausbuben eine mittelschwere Rauferei auszubrechen droht, ist schnelles Einschreiten gefragt. Schließlich schreitet die Zeit unerbittlich davon. Mit grimmiger Stimme ruft er die Beiden Hallodris zur Disziplin, woraufhin sie reuig wie zwei Zehnjährige, die man beim Kirschenklauen im Nachbargarten ertappt hat, ihre Angestammten Plätze einnehmen.

18:54: Die Nervosität im Raum ist fast mit Händen zu greifen. Bange Blicke schweifen durch den Raum und bleiben jeweils nur kurz am ehemaligen Herrgottswinkel, der vor einiger Zeit einem Stofflöwen weichen musste, hängen.

18:57: Karl-Heinz entfährt ein lautes Husten. Am liebsten würde der Vater seinem missratenen Sprössling auf der Stelle den Kragen umdrehen – doch dafür ist jetzt keine Zeit mehr.

18:59: Totenstille. Die Hendelmosers sitzen wie angewurzelt da. Nur die Schweißperlen auf ihren Gesichtern zeugen davon, dass sie überhaupt noch am Leben sind. Doch dann – aus heiterem Himmel – durchzuckt ein Schrei aus vier Kehlen die Stille im Raum. Nein! Nicht schon wieder! Nicht schon wieder 19:00! Vati ballt die Faust. Mutti wischt sich Tränen aus den Augen.

19 00 – das Gründungsjahr des verhassten Fußball-Clubs. Schon wieder erscheint es auf der Digital-Anzeige der Uhr. Mutti verzieht sich schluchzend in die Küche, Vati holt den Jägermeister aus der Ecke, Karl-Heinz und Peter gehen wieder zurück auf die Straße.

Doch morgen, morgen um 18:45 Uhr. Da werden die Hendlmosers wieder im Wohnzimmer sitzen. Und wenn nicht morgen, dann eben übermorgen, oder nächste Woche, oder nächstes Jahr. Irgendwann, das haben sie sich fest vorgenommen, werden sie auf ihrer Uhr die Zahl 18:60 lesen. Sie werden im Überschwang der Gefühle das Küchenfenster aufreißen und so laut schreien, dass es ganz Giesing hören kann: „60,60,60!“

Und bis es soweit ist, werden sie tapfer allen Rückschlägen trotzen und sich auch weiterhin jeden Abend im gemütlichen Wohnzimmer versammeln und auf eine kleine Digitalanzeige starren, während zur selben Zeit nur wenige Kilometer südlich ein naher Verwandter namens Franz wie jeden Tag um 19:00 für einen kurzen Moment innehält und man sein Lachen schon beinahe als hämisch bezeichnen könnte……..

Quelle: aus dem Club Nr. 12 Magazin „Vorspiel“

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MÜNCHEN BLEIBT ROT

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